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Shehzil Malik, Women in Public Places, 2012.

Shehzil Malik, Women in Public Places (Frauen in öffentlichen Räumen), 2012

 

Liebe Freund*innen

Grüsse vom Schreibtisch des Tricontinental: Institute for Social Research.

Tage, Wochen, Monate, eine unbestimmte Zeit ist vergangen, seit die Welt vom Verlauf von SARS-CoV-2 gelähmt zu sein scheint. Der Mangel an Gewissheit schürt die Angst. Dieser Virus strebt, wie Arundhati Roy schreibt, «nach Proliferation, nicht nach Profit, und hat daher versehentlich die Richtung des Flusses [des Kapitals] bis zu einem gewissen Grad verändert. Er belächelt Einwanderungskontrollen, Biometrie, digitale Überwachung und jede andere Art der Datenanalyse und hat – bisher – in den reichsten und mächtigsten Nationen der Welt am härtesten zugeschlagen, womit er den Motor des Kapitalismus zum Stillstand gebracht». Die Ausgangsperren sind inzwischen fast universell, der Planet leiser, der Vogelgesang ergiebiger geworden. Arundhati Roys warnender Einschub des «bisher» ist wichtig, insofern als dass der Virus nun beginnt, tief in Gebiete extremer Entbehrung vorzudringen, in die Slumregionen von Dharavi (Indien) und Cidade de Deus (Brasilien).

Ein wichtiger Bericht der Vereinten Nationen mit dem hoffnungsvollen Titel «Geteilte Verantwortung, globale Solidarität» besagt, dass die globale Pandemie «die Gesellschaften in ihrem Innersten trifft». Soziale und staatliche Institutionen sind in vielen Teilen der Welt so ausgehöhlt worden, dass sie einfach nicht in der Lage sind, gesundheitliche, soziale oder wirtschaftliche Krisen zu bewältigen. Die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgieva, sagte, es bestünde keine Aussicht auf eine wirtschaftliche Erholung vor 2021. Wir schreiben April 2020; es scheint fast so, als ob das gesamte Kalenderjahr 2020 abgesagt wurde.

 

Eileen Agar, The Autobiography of an Embryo, 1933-34.

Eileen Agar, The Autobiography of an Embryo (Autobiographie eines Embryos), 1933-34.

 

In einer Sache scheinen sich eine Reihe von Menschen einig zu sein: die tiefsitzende Bestürzung über das Versagen der bürgerlichen Ordnung, sowie ein bedeutender Sinneswandel, was die Fähigkeit des «freien Marktes» zur angemessenen Verteilung von Ressourcen betrifft. Selbst die Financial Times teilt diese Ansicht:

Radikale Reformen – die die vorherrschende politische Ausrichtung der letzten vier Jahrzehnte rückgängig machen – werden vorgelegt werden müssen. Regierungen werden eine aktivere Rolle in der Wirtschaft akzeptieren müssen. Sie werden öffentliche Dienstleistungen statt als Haftpflicht vielmehr als Investition betrachten und nach Wegen suchen müssen, die Arbeitsmärkte weniger unsicher zu machen. Umverteilung wird erneut auf die Tagesordnung kommen; die Privilegien der älteren und wohlhabenden Menschen zur Debatte stehen. Politische Massnahmen, die bis vor kurzem noch als exzentrisch galten, wie Grundeinkommen und Vermögenssteuern, werden ein Teil davon sein müssen.

Phumzile Mlambo-Ngcuka, Untergeneralsekretärin der UNO und Leiterin der UNO-Frauenabteilung, schrieb kürzlich, dass die globale Pandemie «ein schwerer Schock für unsere Gesellschaften und Volkswirtschaften ist und die Unzulänglichkeiten öffentlicher und privater Vorkehrungen offenbart, die derzeit nur funktionieren, solange Frauen mehrere und unbezahlte Rollen übernehmen». Diese schneidende Bemerkung bedarf eingehender Betrachtung.

 

Shia Yih Ying, Miss Nature, 2016.

Shia Yih Ying, Miss Nature (Miss Natur), 2016.

 

Gesundheitspersonal.

Knapp drei von vier unentbehrlichen Arbeitskräften an vorderster Front – von medizinischen Fachkräften bis hin zu medizinischen Wäschereiarbeiter*innen – sind Frauen. Mit Töpfen und Pfannen zu klimpern, um diese Arbeiterinnen zu feiern, ist eine Sache, eine ganz andere ist es, ihren seit Jahren anhaltenden Ruf nach Gewerkschaften, höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen und für Führungspositionen in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen zu akzeptieren. Fast alle Führungskräfte im Krankenhauswesen weltweit sind Männer.

In Indien wird die Last einer jeden Gesundheitsnotlage in erster Linie von den 990.000 ASHA-Mitarbeiter*innen (Accredited Social Health Activists), den Anganwadi oder Kinderbetreuer*innen sowie den Auxiliary Nurse Midwives getragen. Diese Arbeitnehmer*innen – fast ausschließlich Frauen – sind grotesk unterbezahlt (wobei ihre niedrigen Gehälter oft monatelang zurückgehalten werden), unterqualifiziert und es wird ihnen sogar der grundlegendste Arbeitsschutz verweigert (sie werden als «ehrenamtliche Helfer» eingestuft, eine lächerliche Kategorie, die von der Regierung ausgenutzt wird). Im vergangenen Jahr hatten ASHA-Mitarbeiter*innen eine Serie an Anstrengungen zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen unternommen; abgesehen von kleinen Siegen hier und da wurden diese weitgehend missachtet (mehr dazu gibt es im Dossier Nr. 18 vom Juli 2019 in unserem Interview mit K. Hemalata, dem Präsidenten des Zentrums der indischen Gewerkschaftsverbände, zu lesen). Während dieser Pandemie sind es die ASHA- und Anganwadi-Arbeiter*innen, die ohne grundlegenden Schutz (wie Masken und Handdesinfektionsmittel) von Haus zu Haus gehen und nach den Familien schauen. Dies sind die Beschäftigten des öffentlichen Gesundheitswesens an vorderster Front, die jetzt mit Worten gefeiert werden, ohne dass ihnen jedoch der Basisschutz von gewerkschaftlicher Vertretung, Beschäftigungssicherheit und angemessenen Löhnen gewährt wird

 

Mónica Mayer, Primero de diciembre, 1977.

Mónica Mayer, Primero de diciembre (Der erste Dezember), 1977.

Verhärtung der Geschlechterrollen.

Vor zwei Jahren veröffentlichte die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) eine Studie, aus der hervorging, dass Frauen 76,2% der unbezahlten Betreuungsarbeit leisten – dreimal mehr als die Männer. Die IAO stellte fest, dass «die Einstellung gegenüber der geschlechtsspezifischen Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Pflegearbeit zwar in Veränderung begriffen ist, das Familienmodell des «männlichen Ernährers» jedoch nach wie vor sehr stark gesellschaftlich verwurzelt ist und dass die pflegende Rolle der Frauen in der Familie nach wie vor von zentraler Bedeutung ist». Dies ist die unbestreitbare Situation in «normalen» Zeiten; in Pandemiezeiten werden diese strukturellen Ungleichheiten und kulturellen Vorurteile zur Qual.

Teile der Care-Arbeit waren durch die nun stillgelegten Institutionen und Strukturen der Gesellschaft abgefangen worden. Die Schulen sind geschlossen, so dass bei den zu Hause gebliebenen Kinder der Druck besteht, im Home-Schooling unterrichtet zu werden; die Älteren können sich nicht in Parks treffen, so dass sie zu Hause unterhalten und betreut werden müssen. Einkaufen ist aufwändiger, Putzen ist unerlässlicher – alles Aufgaben, die nachweislich auf Frauen fallen.

 

Gewalt gegen Frauen.

Vor dem Corona-Schock wurden weltweit im Durchschnitt 137 Frauen pro Tag von einem Familienmitglied ermordet. Dies ist eine schockierende Zahl. Wie Rita Segato es ausdrückte, haben die Vorfälle von Gewalt gegen Frauen seit dem Corona-Schock nicht nur an Häufigkeit zugenommen, sondern auch an Grausamkeit, da neofaschistische Vorstellungen von weiblicher Unterordnung aufgeklärtere Ansichten bezüglich der Emanzipation von Frauen verdrängen. In Argentinien macht der Slogan el femicido no se toma cuarentena oder «Femizid geht nicht in Quarantäne» deutlich auf die Gewalt aufmerksam, die durch die weltweite Ausganssperren entfacht wurde. Aus jedem einzelnen Land gibt es Berichte über zunehmende Gewalt gegen Frauen. Die Unterstützungs-Hotlines quellen über, Unterkünfte können nicht erreicht werden.

 

 

 

In Trient (Italien) erklärte der Staatsanwalt Sandro Raimondi, dass im Falle von häuslicher Gewalt der Täter ausziehen sollte, nicht das Opfer. Der italienische Gewerkschaftsbund sagte: «Die Einsperrung zu Hause wegen des Coronavirus ist für alle schwierig, aber für Frauen, die Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt sind, wird sie zu einem echten Alptraum». Solche kreativen Ansätze gegen Gewalt gegen Frauen sind notwendig.

Die chilenische Coordinadora Feminista 8M hat einen Feministischen Notfallplan für die Coronavirus-Krise erstellt. Dieser Plan – der in einigen Elementen der von der International Assembly of the Peoples und dem Tricontinental: Institute for Social Research geschaffenen Plattform ähnelt – beinhaltet vier Kernelemente:

  1. Entwicklung von Strategien für kollektive, gegenseitige feministische Hilfe. Aufbau von Netzwerken der Solidarität und gegenseitigen Hilfeleistungen, die gegen Individualismus kämpfen und Social Distancing einhalten. Erstens: Umfragen in den Nachbarschaften durchführen. Zweitens: Teams zur Betreuung von Kindern bilden. Drittens: Mobilisierung von Gesundheitsfachleuten zur Unterstützung der Gemeinschaft.
  2. Der patriarchalischen Gewalt entgegentreten. Aufbau eines Mechanismus zur kollektiven Reaktion auf Fälle von Gewalt gegen Frauen. Erarbeitung nachbarschaftlicher Notfallpläne für Frauen und Kinder, um gefährlichen Situationen ausweichen zu können, z.B. durch die Einrichtung von Notruf-Hotlines und die Eröffnung von Notunterkünften.
  3. Aufruf zu einem «Generalstreik für das Leben». Streik gegen alle Produktionstätigkeiten, die nicht auf die Gesundheitsfürsorge ausgerichtet sind; Verteidigung des Rechts, während der Pandemie zu Hause zu bleiben, und Einführung eines Vergütungssystems für diejenigen, die unterschiedliche Formen von Arbeit leisten – z.B. unverzichtbare und oft unsichtbare Care-Arbeit. Forderung nach sicheren Arbeitsbedingungen für unverzichtbare Arbeitskräfte, insbesondere in den Berufen des Gesundheits- und Transportwesens.
  4. Forderung nach Nothilfemaßnahmen, bei denen unsere Pflege an erster Stelle steht, nicht ihre Gewinne. Leben ist unbezahlbar; deshalb werden bezahlte Krankheitsabwesenheit, kostenlose Kinderbetreuung, Hausarrest für diejenigen, die in Gefängnissen sitzen, Preisstopp für Grund- und Hygieneprodukte, Planproduktion für soziale Bedürfnisse (und nicht für Profit), Entschädigung für alle Pflege- und Betreuungskräfte (formell und informell), kostenlose hochwertige Gesundheitsversorgung für alle, Aussetzung von Schulden und Dividenden, freien Zugang zu Wasser und Elektrizität und ein Entlassungsverbot gefordert.
Cecilia Vicuña, El Paro/The Strike, 2018.

Cecilia Vicuña, El Paro/The Strike (Der Streik), 2018.

 

Jeder dieser Punkte ist völlig intuitiv und nicht nur in Lateinamerika, sondern auf der ganzen Welt umsetzbar. Aber dieser Notfallplan ist – wie der algerische Dichter Rabi’a Jalti es in Shizufriniya (Schizophrenie) ausdrückt – lediglich ein Pfad; denn es gibt immer auch noch diesen anderen Pfad.

Ich bin zu zwei Pfaden geworden.
Einer übersieht den Aprikosen- und den Narzissenbaum,
Und den Morgen der Gedichte.
Er führt in das Sprachenmeer.
Und der Andere
Ist der, dessen Name am Horizont steht in der Farbe des Brots,
Dessen Gesicht in alle Richtungen umzäunt ist,
Dessen Atemzüge alle Kreise schliessen.
Er erstickt mich fast.

 

 

Es ist jener erstickende Pfad, den die Lokalregierung in Durban (Südafrika) gegangen ist, als sie Slumbewohner gewaltsam vertreiben. Da wir auf dem anderen Pfad gehen, haben Arundhati Roy, Noam Chomsky, Naomi Klein, Yanis Varoufakis, und ich diese Beschwerde geschrieben. Entlang dieses anderen Pfades hungern die Menschen nach Land, nicht nur, um ihre Häuser darauf zu bauen, sondern auch, um sie zu bewirtschaften. Von Südafrika über Indien bis nach Brasilien ist Hunger der Antrieb für den Landeshunger.

In unserer neuesten Publikation, Dossier Nr. 27 (April 2020), «Popular Agrarian Reform and the Struggle for Land in Brazil», zeigen wir, inwiefern dieser Landhunger nicht nur einen Kampf um Land, sondern auch um soziale Transformation antreibt. Unser Büro in São Paulo schreibt, dass im Mittelpunkt dieses Kampfes «die Neugestaltung der sozialen Beziehungen – einschließlich der Rekonstruktion der Geschlechterverhältnisse und der Konfrontation z.B. mit Machismo und Homophobie – und die Forderung nach Zugang zu Bildung in ländlichen Gebieten auf allen Ebenen» steht.

Mehr über den Kampf um Land in der kommenden Woche im Newsletter, den ihr auf unserer Website in Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Hindi, Französisch, Mandarin, Russisch und Deutsch abonnieren könnt.

Vor dem Corona-Shock sind während der Lektüre dieses Newsletters irgendwo auf der Welt zwei Frauenmorde geschehen; während des Corona-Shocks ist diese Zahl höher. Das muss aufhören.

Herzlichst, Vijay.

 

Aus dem Englischen übersetzt von Claire Louise Blaser.