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Staffordshire Regiment during the Plague, Hong Kong, 1894.

Staffordshire Regiment während der Pest, Hongkong, 1894.

 

Liebe Freund*innen,

Grüße vom Schreibtisch des Tricontinental: Institute for Social Research.

Die sozialen Medien wurden im März 2020 von Gerüchten überschwemmt. In völlig menschenleeren venezianischen Kanälen waren Schwäne und Delfine zu sehen. Eine Gruppe von Elefanten tramplete durch ein Dorf in Yunnan (China), betrank sich am Maiswein und schlief in einem Teegarten ein. Während des großen Lockdown schien es, als hätten Tiere die Herrschaft über den Planeten übernommen, während sich die Menschen in ihren Häusern versteckten. Aber in Venedig gab es keine Schwäne und Delfine, und es gab auch keine betrunkenen Elefanten. Dies warenEinbildungen der Langeweile, Tricks mit Photoshop.

Im April schätzte die Welthandelsorganisation, dass das weltweite Handelsvolumen um etwa 32% einbrechen könnte; die Kurse fielen, Gelder suchten nach sicheren Anlagemöglichkeiten, wie zum Beispiel Gold. Die Schätzungen erwiesen sich als zu hoch; die WTO berichtete im Juni, dass das Handelsvolumen im ersten Quartal um etwa 3% zurückgegangen war und im zweiten Quartal um 18,5% zurückgehen wird; der Handel hat sich mit der Öffnung Chinas allmählich erholt. Weder fiel das kapitalistische System der Pandemie zum Opfer, noch hat sich die Natur wieder durchgesetzt. Die herrschende Klasse hat von der Zukunft geborgt, um ihre Nerven zu beruhigen; der Handel hat – trotz starken Rückgangs – wieder angezogen. Die wohlhabenden Anleihegläubiger zwangen den Pariser Club (offizielle Gläubiger) und den Londoner Club (private Gläubiger), jeden substanziellen Schuldenaufschub und Schuldenerlass gegenüber dem globalen Süden abzulehnen, um sicherzustellen, dass die Grundstrukturen der Schuldknechtschaft intakt bleiben. Kriegsschiffe aus den Vereinigten Staaten patrouillierten aggressiv in der Karibik, am Persischen Golf und im Südchinesischen Meer. Mit anderen Worten, die Gesamtstruktur des Imperialismus ist unberührt geblieben.

 

CoronaShock card Caption in German:Sozialismus: Wissenschaft, Internationalismus, öffentlicher Sektor, und gemeinschaftliches Handeln / Kapitalismus: Hirngespinste, Chauvinismus und Rassismus, Gewinnorientierter Sektor, Spaltung und Ohnmacht der Bevölkerung.

 

In unserer Studie CoronaShock and Socialism («Corona-Schock und Sozialismus») haben wir auf den deutlichen Unterschied im Management der Pandemie zwischen Ländern mit bürgerlichen Regierungen und sozialistischen Regierungen hingewiesen. Letztere haben eine wissenschaftlich fundierte, auf dem öffentlichen Sektor basierende, an gemeinschaftlichem Handeln orientierte und internationalistische Haltung – wie von den Koautoren Manolo de los Santos und Subin Dennis näher erläutert. Diese führt dazu, dass die sozialistisch regierten Gebiete der Welt weniger katastrophal betroffen waren als die Länder der bürgerlichen Ordnung. Deshalb ist es wichtig, für den Friedensnobelpreis für die Internationale Medizinische Henry-Reeve-Brigade aus Kuba zu werben.

Die Pandemie hat das kapitalistische System erheblich erschüttert. In diesem Newsletter werden wir uns mit sechs komplexen Problemen befassen, die Folgen dieser Erschütterung sind.

 

  1. Ein Angriff auf die Menschheit. Zu Beginn des Lockdown verlor die Hälfte der erwerbsfähigen Bevölkerung der Welt (1,6 Milliarden von 3,3 Milliarden Arbeiter*innen) – allesamt informelle Arbeiter*innen – 60% ihres Einkommens (Arbeiter*innen in Afrika und Amerika verzeichneten einen Rückgang von 80%). Infolgedessen wird die Zahl der Menschen, die von Ernährungsunsicherheit betroffen sind, von 149 Millionen vor COVID-19 auf 270 Millionen ansteigen; die UNO geht davon aus, dass die Hälfte der Weltbevölkerung mit Hunger kämpft. Aufgrund von Unterbrüchen bei Gesundheits- und Ernährungsdienstleistungen könnten laut UNICEF bis zum Jahresende etwa 6.000 Kinder pro Tag an vermeidbaren Ursachen sterben. Milliarden von Menschen sind zu einer Art Überschussbevölkerung geworden, die für die Kapitalakkumulation unnötig geworden ist. Die Pandemie hat diese Angriffe auf die Menschheit verschärft. Es besteht ein dringender Bedarf an direkter Hilfe für Arbeitslose und Hungernde. Die FAO zeigt, dass Nahrungsmittel im Wert von einer Billion Dollar verschwendet werden oder verfallen – genug, um damit 2 Milliarden Menschen zu ernähren. Dass hungrige Menschen kein Geld für Nahrung haben, die Realität des Klassensystems, ist die Hauptursache für Hunger.

 

Lim Eung-sik (South Korea), Job Hunting, 1953.

Lim Eung-sik (Südkorea), Job Hunting, 1953.

 

  1. Die Zerstörung der Kleinunternehmer*innen. Der Kapitalismus neigt dazu, Kleinbäuer*innen und Handwerker*innen auszumerzen, die von den Monopolkräften des Agrobusiness und des Industriekapitals verschluckt werden. Vor der Pandemie waren kleine Ladenbesitzer*innen, Restaurantbesitzer*innen und Kleinunternehmer*innen aus verschiedenen Gründen etwas geschützt. Während der Pandemie werden diese Kleinunternehmer*innen durch den Plattformkapitalismus ausgelöscht, da Verbraucher*innen darauf trainiert werden, über das Internet einzukaufen und Kleinunternehmen zu meiden. Die Internationale Arbeitsorganisation sagt, dass mehr als 436 Millionen Unternehmen, die im Groß- und Einzelhandel tätig sind, «ein hohes Risiko tragen, ernsthaften Störungen ausgesetzt zu sein». Die Umstellung auf den Plattformkapitalismus bedeutet, dass diese Unternehmen – die Hunderte von Millionen Menschen auf der ganzen Welt verteilt beschäftigen – liquidiert werden und die produktiveren und effizienteren Plattformfirmen – die weniger Menschen und in geographisch konzentrierten Gebieten beschäftigen – sie übernehmen werden.

 

Gauri Gill, Untitled (32) from the series Acts of Appearance, 2015.

Gauri GillOhne Titel (32) aus der Serie Acts of Appearance («Erscheinungsakte») 2015.

 

  1. Die Verhärtung der Geschlechterhierarchien. Die Anordnung, zu Hause zu bleiben hat sich auf die Arbeitsteilung innerhalb der Familie ausgewirkt, wobei zahlreiche Berichte über die verstärkte Belastung von Frauen im Bereich der Hausarbeit und der Kinderbetreuung vorliegen. Alle sozialisierten Formen, die diese Arbeit erleichtert haben – wie öffentliche Bildung, Kinderbetreuungszentren und auswärtige Verpflegung– fallen aus. Die einfallslose Herangehensweise an die Bildung – bei der die Mütter gezwungen waren, zur Überbrückung der digitalen Kluft beizutragen – wird zu langfristigen Bildungslücken führen und den Druck auf Frauen erhöhen, zugunsten reproduktiver Arbeit auf ihre eigene Erwerbstätigkeit zu verzichten. Frauen in der Betreuungswirtschaft – auch im Gesundheitswesen – berichten, dass ihre Besorgnis über die mangelnde Kinderbetreuung, die schlechte Bezahlung von Betreuungsarbeit und den schlechten Schutz der Arbeiterinnen sowie die massiven Entlassungen und der Personalmangel in der Betreuungswirtschaft den Druck auf die Arbeitnehmerinnen erhöht haben. Und schließlich ist auch die belegte Zunahme von Gewalt gegen Frauen eine direkte Folge des Lockdown; es wurde kein wirkliches politisches Programm verabschiedet, um dieses Problem anzugehen. All dies verstärkt patriarchalische Geschlechterhierarchien.

 

Oeur Sokuntevy (Cambodia), Upside Down, 2017.

Oeur Sokuntevy (Kambodscha), Auf den Kopf gestellt, 2017.

 

  1. Der Angriff auf die Demokratie. Regierungen, die der bürgerlichen Demokratie formell verpflichtet sind, haben den Lockdown genutzt, um die Grundrechte auszuhöhlen. In Indien zum Beispiel hat die Regierung den Arbeitsschutz aufgehoben und die Zahl der Arbeitstage erhöht; in Brasilien und Südafrika sehen wir Beweise für die Vertreibung der ärmsten Arbeiter und Bauern aus ihren Häusern. Von Bolivien bis Thailand sehen wir, dass Staatsstreiche sanktioniert und Wahlen verzögert werden. Die Morde an politischen Aktivist*innen von Kolumbien bis Südafrika und die Inhaftierung von Dissident*innen von Indien bis Palästina gehen weiter. Ohne die demokratischen Institutionen völlig außer Kraft zu setzen, ersticken diese Regierungen demokratische Prozesse, und bedienen sich dabei demokratischer Institutionen.

 

Raquel Forner (Argentina), Darkness, 1943.

Raquel Forner (Argentinien), Finsternis, 1943.

 

  1. Die Ausnutzung der Umweltkrise zur Rettung des Kapitalismus. Auch wenn die Pandemie die Notwendigkeit nahe legt, die destruktiven kapitalistischen Strukturen zu überdenken, die die Beziehung zwischen Mensch und Natur aus dem Gleichgewicht gebracht haben, gab es ein Mittel, um die «Umweltkrise» auf einen«Klimawandel» hinunterzuspielen und einen «grünen Kapitalismus» oder – genauer gesagt – den «Green New Deal» als Rettung für die Krise anzubieten. Dieser «Green New Deal» bezeichnet nichts anderes als die Verwendung öffentlicher Gelder, um den Übergang privater Energieunternehmen von kohlenstoffhaltigen zu erneuerbaren Brennstoffen zu finanzieren, ohne Rücksicht auf die Minenarbeiter*innen von Kobalt, Lithium und anderen Mineralien, die für die Batterien und Bildschirme der grünen Technologie benötigt werden. Es ist notwendig, die Debatte über die Umweltkrise voranzubringen, indem umfassendere Fragen zu Agrarreform, Übertragung von Produktionsvermögen auf den öffentlichen Sektor und zu einer tiefer gehenden Debatte über die Energiewende gestellt werden. Berechnungen legen nahe, dass der Kapitalismus für ein normales Funktionieren etwa 3% Wachstum benötigt, was bedeutet, dass sich der Umfang der Weltwirtschaft alle 25 Jahre verdoppeln muss. Der Planet kann ein solches exponentielles Wachstum nicht aushalten.

 

Jave Yoshimoto (Japan), Evanescent Encounter, 2010.

Jave Yoshimoto (Japan), Flüchtiges Treffen, 2010.

 

  1. Die Ausutzung der Krise zum Angriff auf China. Die verschärfte Aggression der US-Regierung gegenüber China hat der Welt eine Reihe neuer Herausforderungen beschert. Was in den 1990er Jahren als Handelskonflikt begann, ist inzwischen zu einer existenziellen Herausforderung von China seitens der Vereinigten Staaten eskaliert. Die Bedrohung Chinasdurch die Gesamtheit der herrschenden Klasse der USA wird nicht aus irrationalen, sondern aus völlig rationalen Gründen ausgesprochen: erstens, weil die USA zu Recht sehen, dass die chinesische Wirtschaft langsam die größte der Welt wird, und zweitens, weil die verschiedenen hybriden Kriegsstrategien zur Schwächung oder zum Sturz der chinesischen Regierung einfach nicht ausreichen, um China daran zu hindern, die USA als gegenwärtige Nummer 1 der Weltordnung in den Schatten zu stellen. Das einzige Mittel, das dem US-Imperialismus zur Verfügung steht, ist Waffengewalt. Abgesehen von bewaffneten Aktionen, die eine echte Bedrohung darstellen, versuchen die Vereinigten Staaten, Chinas Rolle in der Weltwirtschaft zu untergraben; dies wird sehr schwer zu erreichen sein, obwohl die herrschende Klasse der USA bereit wäre, für eine langfristige Hegemonie kurzzeitige Störungen in Kauf zu nehmen. Es ist notwendig, sich gegen einen neuen Kalten Krieg zu stellen und sich der Bewegung um die von der No Cold War-Plattform vorgebrachte Erklärung anzuschließen.

 

Mo Yi (China), Red, 1985.

Mo Yi (China), Rot, 1985.

 

Trotz der gefährlichen Inkompetenz der bürgerlichen Regierungen ist ihre Legitimität nicht automatisch erodiert. Sie bleiben an der Macht und scheinen bereit zu sein, ihre Autorität zu vertiefen.

 

 

Unter den Verhafteten befindet sich auch der indische kommunistische Dichter Varavara Rao, dessen Gesundheit im Gefängnis leidet. Im Jahr 1990 stellte er sich die Verhaftung eines Kommunisten wie ihn in seinem Gedicht «The Other Day» vor, dessen Zeilen auf die Ungerechtigkeit eines Systems anspielen, das unsere Menschlichkeit schmälert:

Property
Fractures the human world
Into custodians and criminals.

Eigentum
Teilt die menschliche Welt
in Verwahrende und Verwahrte ein.

Es ist viel besser, ein Krimineller in Verwahrung zu sein in dieser Welt als ein Verwahrer der Unmenschlichkeit.

Herzlichst, Vijay.