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Liebe Freund*innen,

Grüße vom Pult des Tricontinental: Institute for Social Research.

Der Brasilianer Jair Bolsonaro eröffnete die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit der bizarren Bemerkung, dass der seit Wochen brennende Amazonas «praktisch unversehrt» sei und dass eine «lügende und sensationsheischende Presse» die Flammen der Fake-News angefacht habe. Der Amazonas, welcher zu 60% in Brasilien liegt, sei nicht, so Bolsonaro, das «Erbe der Menschheit». Er sei brasilianisches Territorium und wenn Brasilien ihn abholzen wolle, dann sei das so.

Weltweit fanden Proteste gegen die Brände im Amazonasgebiet statt, und es ist bekannt, dass der Amazonas eine der größten Kohlenstoffsenken der Welt ist. Wird der Amazonas um weitere 25% reduziert, dann erreichen wir den Punkt, an dem eine Regeneration des Regenwaldes nicht mehr möglich ist. Zu diesem Zeitpunkt verliert die Vegetation ihre Regenerationsfähigkeit und würde sich wahrscheinlich von einem Regenwald in eine Savanne verwandeln. Wir befinden uns wieder im Zeitalter des Wahnsinns, am Rande der Zerstörung des Amazonas; einem Zeitalter, das uns zwingt, mutig und kühn zu sein.

Nach Bolsonaro äußerte Trump einige unverständliche Bemerkungen über Souveränität und Patriotismus. Und während er behauptete, ein Nationalist zu sein, der für die Souveränität der Nationen steht, drohte er Iran und Venezuela offen mit Krieg. Deren Souveränität ist für Trump offensichtlich ohne Bedeutung.

Mein Kommentar für Democracy Now, 25. September 2019.

Die wirkmächtigste Gegenrede kam von der Premierministerin von Barbados, Mia Amor Mottley, die zu Kuba und Venezuela stand und darüber hinaus die Klimakatastrophe aus der Sicht der kleinen Inselstaaten darstellte.

Premierministerin Mia Amor Mottley, United Nations, 27. September 2019.

Mottley repräsentiert Vernunft, Bolsonaro und Trump Unvernunft.

Im Rahmen seiner Rede griff Bolsonaro Raoni Metuktire an, einen Anführer der indigenen brasilianischen Kayapó. Bolsonaro sagte, dass Metuktire ausländische Regierungen und nicht seine eigene Gemeinschaft oder die Brasilianer vertritt. Nicht-Regierungs-Organisationen, sagte Bolsonaro, «bestehen darauf, unsere Indianer als Höhlenbewohner zu behandeln und sie auf diesem Entwicklungsniveau zu belassen». Das ist ein heißes Eisen – und außerdem rassistisch. Chief Raoni antwortete gefasst, aber scharf, dass der Krieg von Bolsonaro gegen den Amazonas «nicht nur schlecht für uns Ureinwohner ist. Er ist eine Katastrophe für die gesamte Menschheit».

Aus unserem Tricontinental: Institute for Social Research Büro in São Paulo kommt Red Alert #3, eine kurze Einführung in die Situation, die auf sachlicher Dokumentation und Vernunft basiert. Ihr könnt den Red Alert #3 herunterladen oder weiter unten lesen. Für eine vertiefte Diskussion über den Amazonas, lest unser vierzehntes Dossier das im März von unserem Büro in São Paulo veröffentlicht wurde.

Red Alert #3. Feuer im brasilianischen Amazonas

Was passiert im Amazonasgebiet?

Am Nachmittag des 19. August wurde der Himmel über São Paulo, Brasiliens bevölkerungsreichster Stadt, plötzlich dunkel. Asche und Rauch von Bränden im Amazonasgebiet trübten die Atmosphäre der Stadt. Die Brände wurden am 10. und 11. August von Ruralistas in der Region Novo Progresso und Altamira (im Bundesstaat Pará) gelegt. Zu diesen Ruralistas gehören die großen Grundbesitzer, Landbesitzer, Landräuber, Landhändler, Holzfäller und – in ihrer am weitesten entwickelten Form – Agrarunternehmen. Sie veranstalteten an jenen Daten/Tagen sogenannte «Days of Fire», um ihre Unterstützung für Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro zu demonstrieren.

Die Brände lösten einen globalen Aufschrei aus. In Brasilien kritisierten Einzelpersonen, zivilgesellschaftliche Organisationen, politische Parteien und Forschungseinrichtungen – auf ihre unterschiedlichen Weisen – das Feuer im Amazonasgebiet und seine Auswirkungen. Weltweit fanden Proteste gegen die Brände im Amazonasgebiet statt, da bekannt ist, dass der Amazonas eine der größten Kohlenstoffsenken der Welt ist. Werden 25 Prozent des Amazonasgebiets zerstört, ist der Punkt erreicht, an dem die Vegetation ihre Regenerationsfähigkeit verliert und das Amazonasgebiet sich wahrscheinlich vom Regenwald in eine Savanne verwandeln würde.

Die Zerstörung des Amazonasgebietes könnte zu höheren Temperaturen und größerer Klimainstabilität führen. Deshalb wurden die Amazonasbrände so schnell zu einem globalen Thema.

Wie erklärt sich die Zunahme der Waldbrände im Amazonasgebiet im Jahr 2019?

Das Institute of Environmental Research of the Amazon (IPAM) hat festgestellt, dass die Brände im Amazonasgebiet in den ersten acht Monaten des Jahres 2019 die durchschnittliche Anzahl der Brände in den letzten drei Jahren für denselben Zeitraum von acht Monaten um 60% überstiegen. Die Anzahl der Brände in diesen acht Monaten des Jahres 2019 betrug 32.728.

IPAM zeigt, dass diese Brände sowohl auf absichtliche Feuer zur Rodung des Waldes als auch auf die Auswirkungen der Abholzung und die darauffolgende Entstehung von trockenem Buschland, welches wie Zunder für versehentliche Brände wirkt, zurückzuführen sind. «Die zehn Gemeinden im Amazonasgebiet, die die höchste Anzahl von Bränden aufwiesen», schreiben die Forscher der Studie, «sind gleichzeitig die Gemeinden mit der höchsten Entwaldungsrate».

Seit Jair Bolsonaro brasilianischer Präsident ist, haben die Ruralistas deutlich gemacht, dass sie die Regierungspolitik in Bezug auf Wald, Land, Holzernte und Landwirtschaft festlegen. Ricardo Salles Berufung zu Bolsonaros Umweltminister hat die Botschaft der Ruralistas deutlich gemacht. Salles hat starke Verbindungen zu den Ruralistas – viel stärker als jegliche Verbindung zur Umweltbewegung. Sowohl Bolsonaro als auch Salles haben gezeigt, dass sie den Interessen der Ruralistas dienen und nicht daran denken, der bisher robusten Umweltpolitik des Landes zu folgen.

Die Dominanz der Ruralistas in der brasilianischen Politik und ihre Fähigkeit, die regulativen Strukturen innerhalb kurzer Zeit zu untergraben – sie sind für die Waldbrände im Amazonasgebiet verantwortlich.

Vija Clemins, Forest Fire (Walbrand), 1965-66.

Wie schadet  Bolsonaros Regierung der Umwelt?

1. Sie untergräbt die Handlungsfähigkeit der Regulierungsbehörden. Die Regierung von Bolsonaro hat damit begonnen, die Budgets von Umweltbehörden wie dem Brazilian Institute of Environmental and Renewable Natural Resources(IBAMA) zu kürzen. Die Regierung des IBAMA-Budgets um 24% von 363,3 Mio. R$ [89,9 Mio. USD] auf 279,4 Mio. R$ [68,2 Mio. USD] reduziert.

2. Sie schwächt rechtlichen Strukturen zum Schutz der Umwelt. Der Sohn von Bolsonaro, Senator Flávio Bolsonaro, entwarf mit Senator Márcio Bittar (PL 2.362/2019) einen Gesetzentwurf, der den Schutz von 167 Millionen Hektar Wald – etwa 30% der brasilianischen Waldfläche – aushebeln sollte. Der Versuch, die rechtlichen Barrieren für die Ruralistas zu beseitigen, ist in vollem Gange.

3. Sie höhlt den Amazonas-Fond aus. Im Jahr 2008 wurde unter dem ehemaligen Präsidenten Lula Inácio da Silva – der weiterhin als politischer Flüchtling im Gefängnis sitzt – den Amazonas-Fond eingerichtet, um Mittel zur Überwachung, Verhütung und Bekämpfung der Entwaldung sowie zur Unterstützung von Projekten zur Erhaltung des Amazonasgebiets und zur nachhaltigen Nutzung seiner Ressourcen zu sammeln. Die Regierung Bolsonaro versuchte, die Mittel aus dem Amazonas-Fond als Kompensation für den Verlust der Waldfläche an die Ruralistas umzuverteilen. Die Regierung verwendete etwa 1,5 Milliarden R$ (366 Mio. USD) des Amazonas-Fonds zur Finanzierung der operativen Kosten und der Brandbekämpfung von IBAMA. Außerdem wurde dieses Geld zur Finanzierung der Unternehmen, die im Amazonasgebiet tätig sind, verwendet. Diese Verschiebung der Prioritäten des Fonds hat die wichtigsten Geldgeber, Norwegen und Deutschland, beunruhigt. Aufgrund der Brände im Amazonasgebiet in diesem Jahr haben diese Spender ihre Beiträge ausgesetzt.

4. Sie schwächt die Regulierung zum Bodenschutz. Die Regierung von Bolsonaro hat die Ruralistas geradezu ermutigt, illegale Methoden zur Landaneignung im Amazonasgebiet anzuwenden. Die Gewalt gegen Anführer von Volksbewegungen hat zugenommen. Es wird eine Kultur der Straffreiheit für Gewalttaten etabliert (dies zeigt sich an der Begnadigung der Polizeibeamten, die an Massakern teilgenommen haben, wie beispielsweise die Ermordung von 21 Mitgliedern der MST (Bewegung der  Landarbeiter ohne Boden) in Eldorado dos Carajás in Pará).

Was tun im Amazonasgebiet?

1. Die Rechte der im Regenwald lebenden Menschen über ihre eigenen Ressourcen und ihr Leben müssen garantiert werden. Die Rechte der indigenen Bevölkerung, der Quilombolas (Afro-Brasilianer, die in ländlichen Gemeinschaften leben, ursprünglich von denen gegründet, die der Sklaverei entkommen sind) und der Bauernschaft müssen garantiert werden. Sie haben das größte Interesse an der Erhaltung der Umwelt.

2. Nationale und populäre Souveränität über natürliche Ressourcen müssen gegen die Interessen multinationaler Unternehmen verteidigt werden.

3. Netzwerke zur Verteidigung der Menschen am Amazonas und am Cerrado (der tropischen Savanne) müssen in Brasilien und auf der ganzen Welt geschaffen werden.

4. Die Beziehungen zwischen den Menschen der verschiedenen Länder, die sich im Amazonasgebiet befinden müssen gestärkt werden. Zu diesen Ländern gehören Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Guyana, Surinam und Venezuela.

Eine der brasilianischen Agenturen im Umweltministerium, die über das Amazonasgebiet Aufsicht hat, heißt Chico Mendes Institute for Biodiversity Conservation (ICMBio). Der Name Chico Mendes ist hier entscheidend. Mendes, ein Gewerkschaftsführer und Umweltschützer, wurde am 22. Dezember 1988 vom Sohn eines Ranchers erschossen. Die Verschwörung zur Tötung von Mendes umfasste die Rural Democratic Union– die Organisation der Viehzüchter – sowie die lokale Polizei. Die Viehzüchter wollten Land ohne Einschränkungen und Arbeiter ohne Gewerkschaften. Kugeln brachten Chico Mendes zu Fall, und um ihn herum schlugen Feuer und Kettensägen seinen geliebten Amazonas nieder. «Erst dachte ich, ich kämpfe für die Erhaltung der Gummibäume», sagte Chico Mendes bevor er starb. «Dann dachte ich, dass ich für die Rettung des Amazonas-Regenwaldes kämpfe. Jetzt weiss ich, dass ich für die Menschheit kämpfe». Diese Einschätzung wird nun auch von Chief Raoni Metuktire geteilt.

1975, als die Viehzüchter begannen, den Wald mit voller Unterstützung der Militärdiktatur zu fällen, lehrte Chico Mendes seine Gummizapfer-Kollegen in der Taktik des Empate. Empate ist eine menschliche Blockade. Als die Rancher und die Diktatur ihre Bulldozer und Motorsägen brachten, um den Wald zu fällen, bildeten Chico und seine Kollegen eine Sperre und blockierten den Zugang zu den Schätzen des Amazonas. «Habt keine Angst», sagte er zu ihnen: «Es wird nichts passieren». Mutig widersetzten sie sich dem Wahnsinn und schützten ihre Wälder.

Wir befinden uns wieder im Zeitalter des Wahnsinns, am Rande der Zerstörung des Amazonas, einem Zeitalter, das nach Empate verlangt.

Herzlich, Vijay.

Aus dem Englischen übersetzt von Franziska Kleiner.