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Mohammed Issiakhem, Femme et Mur (Woman and Wall), 1970.

Mohammed Issiakhem, Femme et Mur (Frau und Wand), 1977-78. Barjeel Art Foundation, Sharjah

 

Liebe Freund*innen

Grüsse vom Schreibtisch des Tricontinental: Institute for Social Research.

Dies sind elende Zeiten. Statistiken zu Bedürftigkeit und Tod sind grausam. Viel zu viele Menschen kämpfen mit Hunger; rund neun Millionen von ihnen sterben jedes Jahr an Komplikationen infolge von Unterernährung (etwa alle zehn Sekunden stirbt auf der Welt ein Kind daran).

Viele von uns Journalisten und Schriftsteller sind zu Aktuaren des Leidens geworden. Die Grundstimmung ist Verzweiflung; die Lebensbedingungen sind dürftig. Die Rhetorik der Hoffnung klingt weniger nach Inspiration als nach Ermahnung. Wälder brennen. Die Verdammten unserer Meere gehen im Mittelmeer unter. Die Leichen von Frauen tauchen in der Chihuahuan-Wüste auf. Faschistische Schlägerbanden durchstreifen die Straßen Delhis. Die Kluft zwischen der Botschaft der Hoffnung und dem Zustand der Verzweiflung ist groß. Es gibt keine Brücke dazwischen. Wir leben in der Wunde. Dies ist ein Brief aus dieser Wunde.

Wohin man auch schaut, die Nachrichten sind alarmierend. Die Stichworte der Gegenwart sind leicht zu identifizieren: COVID-19, Finanzkrise, Klimawandel, Frauenmord, Fremdenfeindlichkeit und die Kontinuität neofaschistischer Politiker sowie den von ihnen auf die Straße zitierten Mobs. Es bedarf keiner großen Tiefsinnigkeit, um angesichts der aktuellen Geschehnisse Angst zu empfinden, wo sich die große Wunde über den Planeten ausbreitet. Panik ist eine natürliche Reaktion, die durch den allgemeinen Zerfall gesellschaftlicher Beziehungen noch beschleunigt wird.

Sozialen Bindungen oder auch schon Gesellschaft sind in unserer Zeit unumgänglich. Es wird immer schwieriger, die Gesellschaft auf zivile Weise zu erleben: Der politische Diskurs entrinnt allem Anschein nach den Abwasserkanälen, und ein allgemeines Mitgefühl für Leiden scheint sich in dem Maße verflüchtigt zu haben, wie die Neofaschisten den harten Stahl des giftigen Machismo propagieren. Dies ist nicht nur ein Problem der politischen Klasse – es ist ein Problem, das mit der Erosion staatlicher und sozialer Institutionen in Verbindung gebracht werden sollte, die sonst das Leben des/der Einzelnen reichhaltiger machen würden. Wenn die Menschen Mühe haben, eine Arbeit zu finden, wenn die Arbeit selbst immer belastender wird, wenn die Pendelzeiten zunehmen, wenn die medizinische Versorgung schwer zugänglich ist, wenn die Renten bei höheren Ausgaben (einschließlich Steuern) gekürzt werden und wenn es einfach immer schwieriger wird, den Alltag zu bewältigen – nun, dann ist es zu erwarten, dass die Gemüter ins Wanken geraten, Wut aufkommt und das allgemeine soziale Elend offenbart wird.

Zivilität ist nicht nur eine Frage der Einstellung. Zivilität ist auch eine Frage von Ressourcen. Wenn wir unseren beträchtlichen globalen sozialen Schatz nutzen würden, um uns gegenseitig ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, um die medizinische Versorgung und die Pflege älterer Menschen zu gewährleisten, um sicherzustellen, dass wir unsere drängenden Probleme auf kollektive Weise angehen, dann gäbe es die Freizeit, um sich unter Freunden auszuruhen, um ehrenamtlichen Tätigkeiten in unseren Gemeinschaften nachzugehen, um sich kennen zu lernen und um weniger gestresst und verärgert zu sein. Auch ist «Hoffnung» kein individuelles Gefühl; sie muss von Menschen erzeugt werden, die gemeinsam Dinge tun, Gemeinschaften aufbauen und für ihre Werte einstehen.

 

 

Die Idee der «großen Wunde» stammt von Frantz Fanon, der in «Die algerische Familie» (1959) schrieb, dass der/die revolutionäre Intellektuelle sich «die Realität Algeriens genauer ansehen muss. Wir dürfen sie nicht einfach überfliegen. Wir müssen vielmehr Schritt für Schritt der großen Wunde folgen, die dem algerischen Boden und dem algerischen Volk zugefügt wurde». Algerien befand sich inmitten seines nationalen Befreiungskrieges und führte das, was Fanon einen «halluzinatorischen Krieg» gegen die Franzosen nannte. Die Bejahung des Wertes des Menschen aus dem Inneren dieser «großen Wunde» heraus wurde mit einer Lawine kolonialer Gewalt gekontert. Unsere Wunde ist ebenso halluzinatorisch, gekennzeichnet durch immer grimmigere Formen der Gewalt und die anhaltende Notwendigkeit des Kampfes.

Aus dem Büro des Tricontinental: Institute of Social Research in Johannesburg (Südafrika) kommt das Dossier Nr. 26 zu euch – «Frantz Fanon: The Brightness of Metal» (März 2020). Das Dossier stützt sich ebenso auf Fanons Arbeit wie auf die Arbeit derjenigen, die von ihm beeinflusst wurden und seine Ideen weiterentwickelt haben, um eine der besten kurzen Einführungen in das Werk eines führenden Denkers unserer Zeit zu liefern. Eine von Fanons dringlichsten Ideen ist, dass der Intellektuelle nicht einfach ins Universelle abtauchen und dabei der Schlammschlacht des Alltags entgehen kann; «Fanons Leben», so steht es im Dossier, «war geprägt von einer permanenten, mutigen und kämpferischen Verortung in der Gegenwart und in den Besonderheit der Situationen, in denen er sich befand». Die Befreiung vom Elend der Wunde wird nicht automatisch erfolgen, denn um eine neue Menschlichkeit hervorzubringen, wäre das erforderlich, was Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes «den Ernst, das Leiden, die Geduld und die Arbeit des Negativen» genannt hatte, oder anders, mit Fanon gesagt, ein Engagement für die Kämpfe an unserem Ort und in unserer Zeit.

 

Suhad Khatib, Frantz Fanon, ink on paper, 18x24, 2019.

Suhad Khatib, Frantz Fanon, Tinte auf Papier, 18×24, 2019.

 

Wie Fanon bekanntlich sagte, hat jede Generation ihr Projekt. Fanons Projekt war der nationale Befreiungskampf, den er als eine notwendige Etappe auf dem Weg zu einem echten Internationalismus ansah. Aus diesem Grund fiel es dem in Martinique geborenen Fanon so leicht, sich dem Kampf des algerischen Volkes anzuschließen; er sah den Kampf in Algerien nicht getrennt von dem der gesamten Dritten Welt. Als Teil der algerischen Delegation besuchte er erstmals im Dezember 1958 Ghana zum All-African People’s Congress. Dort traf er Kwame Nkrumah (Ghana), Julius Nyerere (Tansania), Sékou Touré (Guinea) und natürlich Patrice Lumumba (Kongo). Er versuchte, Unterstützung aus Ghana, Guinea und Mali zu mobilisieren, um Waffen über die Südgrenze nach Algerien zu bringen (im September 1960 reiste Fanon auf den alten Handelswegen von Mali nach Algerien, um die Route zu testen); und als Lumumba im August 1960 im Kongo bedroht wurde, drängte Fanon die Mitglieder des Kongresses, eine Afrikanische Legion zur Unterstützung der Regierung zu entsenden, was nicht geschah. Fanons Hoffnung auf eine Dekolonisierung Afrikas und der gesamten kolonialisierten Welt kannte keine Grenzen.

Als Lumumba am 17. Januar 1961 ermordet wurde, schrieb Fanon einen bewegenden Nachruf auf ihn. Warum wurde Lumumba umgebracht? «Lumumba glaubte an seine Mission», schrieb Fanon – die Mission der Befreiung seines Volkes, um sicherzustellen, dass dieses nicht länger in enormer Armut und Demütigung leben musste, trotz all der Reichtümer des Kongo. Er wurde wegen dieser Mission getötet, eine Mission, mit der Fanon voll und ganz einverstanden war. «Wenn Lumumba im Weg ist, verschwindet Lumumba», schrieb Fanon. Am Leben zu sein, so fügte er hinzu, bedeutet, sich in eine solche Mission zu stürzen, sich an den Kämpfen zu beteiligen, die vor uns liegen und die zur Befreiung führen würden. Sie töteten Lumumba 1961, aber «niemand kennt den Namen des nächsten Lumumba», schrieb Fanon sowohl realistisch als auch optimistisch. Die Notwendigkeit des Kampfes würde eine andere Bewegung mit ihren eigenen Führern hervorbringen; dies war unvermeidlich. In dieser Unvermeidbarkeit liegt Hoffnung.

 

theforge_combined photos_Tseliso Monaheng

 

Am 5. März im The Forge in Braamfontein – Johannesburgs pulsierendem Studentenviertel – wurde das Dossier Nr. 26 im Rahmen eines Kolloquiums über die Philosophie und den Einfluss Fanons vorgestellt. An dem Treffen nahmen diverse Aktivist*innen, Gewerkschafter*innen, Künstler*innen, Student*innen und Akademiker*innen teil, darunter Persönlichkeiten wie der bedeutende Philosoph Mabogo P. More und der «Rebellenbischof» Rubin Phillip. Die führenden Fanon-Wissenschaftler*innen Nigel Gibson, Lewis Gordon, Michael Neocosmos und Zikhona Valela sprachen über Fanons Werk als Lehrer, Kliniker und Theoretiker. Sie beschäftigten sich mit der Praxisfrage im Kontext der Krise der Postkolonie; ihr Hauptinteresse galt Fragen der Organisation und des Widerstands aus der großen Wunde heraus. In Momenten wie diesen gedeihen radikale Hoffnung und emanzipatorische Ideen, die – geschmiedet in der Hitze des Kampfes – die Leuchtkraft von Metall annehmen.

 

 

Aus dem Englischen übersetzt von Claire Louise Blaser.Claudia Jones wurde zehn Jahre vor Fanon in Port of Spain (Trinidad und Tobago) geboren. Jones wanderte mit ihren Eltern in die Vereinigten Staaten aus; dort wurde Jones im Zuge der Kampagne zur Rettung der Scottsboro-Angeklagten im Jahr 1936 zur Kommunistin. Als Mitglied der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten (CPUSA) wurde Jones 1955 nach Großbritannien deportiert (wo sie maßgeblich an der Gründung des Notting Hill Carnival beteiligt war). Jones reiste um die Welt, in die UdSSR und nach China selbstverständlich, aber auch zu den Treffen der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (inklusive dem Treffen 1952 in Kopenhagen).

1949 veröffentlichte Jones einen bahnbrechenden Aufsatz in der Fachzeitschrift der CPUSA, Political Affairs, mit dem Titel «An End to the Neglect of the Problems of the Negro Woman» («Für das Ende der Vernachlässigung der Probleme der Schwarzen Frau»). Dieser Aufsatz befasst sich direkt mit der Frage des Rassismus und den damit verbundenen Demütigungen. In ihrem Aufsatz verwendet Jones mehrfach das Wort «besonders». Sie sagt, dass eine Vielzahl von Menschen unterdrückt werden oder dass der schwarze Arbeiter zwar ausgebeutet wird, aber betont dann, dass das System «besonders» schwarze Arbeiterinnen «besonders» bestraft, und zwar mit «besonderer Härte». Diese «besondere Härte» stellt ihr Hauptinteresse dar, was heisst, jede Emanzipationsanalyse muss sich tiefgreifend mit der spezifischen Beurteilung der Hierarchien der Unterdrückung beschäftigen und der spezifischen Logik jeder dieser Schichten (oder «Stratum», wie sie es nennt) Rechnung tragen; die «Besonderheit» von Unterdrückung besteht darauf, dass nicht nur Klasse einbezogen werden muss, nicht nur Rasse, sondern auch Geschlecht im Mittelpunkt der Analyse und der daraus resultierenden Praxis stehen muss (wie wir es in den Feminist Studies #1 des Tricontinental: Institute for Social Research anerkennen).

Angesichts dieser analytischen Besonderheit stehen laut Jones schwarze Frauen auf der ganzen Welt an vorderster Front jedes Kampfes gegen den Kapitalismus. Die spezifische und «besondere Härte» der Situation von schwarzen Frauen muss ernst genommen werden, schreibt Jones, um letztere nicht von den grundlegenderen Kämpfen auszuschliessen; der Grundgedanke von Jones ist, dass, wenn die Anliegen von schwarzen Frauen «gefördert» würden, sie ihren «rechtmäßigen Platz» in der «proletarischen Führung der nationalen Befreiungsbewegung einnehmen und durch ihre aktive Teilnahme der gesamten amerikanischen Arbeiterklasse geholfen wäre, deren historische Mission die Verwirklichung eines sozialistischen Amerikas ist – die endgültige und vollständige Garantie für die Emanzipation der Frau». Das Schlüsselwort hier ist Führung.

Beim erneuten Lesen von Jones stelle ich mir vor, wie sie Fanon bei einem jener internationalen Treffen – vielleicht in Taschkent oder Beirut – trifft und sie ihre revolutionären Theorien diskutieren; ich stelle mir vor, wie sie, zwei Radikale aus der Karibik, sich darüber unterhalten, Marx «ein wenig zu dehnen», wie Fanon es in seinen späteren Jahren schrieb. Es ist passend, dass Fanon in Algerien begraben wurde, und dass Jones links neben Marx auf dem Highgate-Friedhof in London begraben wurde. Diese beiden bemerkenswerten Intellektuellen bestehen darauf, dass Intellektuelle an den großen Projekten ihrer Zeit teilnehmen, dass sie die Besonderheiten von Unterdrückung präzise benennen und uns helfen, den Weg aus der großen Wunde heraus zu finden.

Herzlichst,

Vijay.