Liebe Freund*innen

Grüsse vom Pult des Tricontinental: Institute of Social Research.

Vor einigen Tagen endete die neunte Asia Pacific Regional Conference of Solidarity with Cuba. Bei der Abschlusssitzung artikulierte Prachanda – der Ko-Vorsitzende der Kommunistischen Partei Nepals – ein Gefühl, das von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt geteilt wird: «Kuba», sagte er, «ist nicht nur der Name einer Nation», sondern ein «Symbol für das Streben nach Souveränität»; es ist «eine Inspiration für Volksorganisationen und -bewegungen».

Nepal befindet sich mitten im Kampf zur Schaffung eines souveränen Staates mit einer sozialistischen Gesellschaft. Vor einem Jahr begannen die kommunistischen Parteien Nepals einen Prozess zur Bildung einer neuen Partei, die nun eine Zweidrittelmehrheit im nepalesischen Parlament innehat. Die neue Partei vertieft ihre Vereinigung weiter, während die nepalesische Regierung sich darum bemüht, einem widrigen globalen Kontext zu Trotz eine sozialistische Agenda voranzubringen. Um einen Eindruck von diesen Bemühungen zu bekommen, besucht People’s Dispatch und schaut euch die Interviews mit Bamdev Gautam über die landwirtschaftliche Transformation, mit Sabitra Bhusal über die Emanzipation unterdrückter Bevölkerungsgruppen und mit Radha Gyawali über die Emanzipation von Frauen an. Alle drei sind Führer*innen der Kommunistischen Partei Nepals. Die kubanische Inspiration schwebt über den Bestrebungen Nepals.

Wifredo Lam, La Barrière oder Das Hindernis, 1964

Seit 1959 ist Kuba mit einer strengen Blockade konfrontiert – eine Waffe, welche die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika hartnäckig einsetzt. Für Washington, D.C., war es schlichtweg nicht akzeptierbar, dass eine kleine, nur zweihundert Kilometer von den Vereinigten Staaten entfernte Insel mit einer sozialistischen Agenda experimentierte. Im vergangenen Jahr sagte die Exekutivsekretärin der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL), Alicia Bárcena, in Havanna (Kuba), dass die US-Blockade Kuba während den letzten sechs Jahrzehnten 130 Milliarden Dollar gekostet habe – gleichviel, wie der Bau und die Wartung einer neuen Raumstation kosten würde. Dies ist eine gewaltige Menge an Ressourcen, deren Mangel das soziale Gefüge Kubas unauslöschlich geprägt hat.

Aber das kubanische Volk und die kubanischen Organisationen, wie es der nepalesische Prachanda sagte, sind eine Inspiration. Zu ihren Organisationen zählte auch die Organisation der Solidarität mit den Völkern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas (OSPAAAL), die ihre Pforten in Havanna dieses Jahr schloss. OSPAAAL wurde nach der Trikontinentalen Konferenz von 1966, die Fidel Castro als «ein großes Fest der internationalen Solidarität» bezeichnete, gegründet. Die Trikontinentale Konferenz – nach der wir benannt sind – war ein Treffen radikaler nationaler Befreiungs- und sozialistischer Kräfte von Vietnam bis Chile. Die Konferenz rief zur Solidarität mit antikolonialen Bewegungen auf – Solidarität, die nicht nur auf emotionaler Ebene, sondern auch in materieller Hinsicht erfolgen sollte. Die neue Vereinigung – OSPAAAL – entstand aus dem gemäßigteren Bandung-Geist (der 1961 in der Non-Aligned-Bewegung seine institutionelle Form fand) und aus dem radikaleren Afro-Asian People’s Solidarity Movement (1957 – auf Spanisch als OSPAA bekannt). Einer der Hauptorganisatoren der Konferenz – der marokkanische Revolutionär Mehdi Ben Barka – sagte, dass die Trikontinentale «zwei Strömungen der Weltrevolution zusammenführen würde: die Strömung, die mit der Oktoberrevolution geboren wurde, und die Strömung der nationalen Befreiungsrevolutionen».

Bachir Ben Barka, Sohn von Mehdi Ben Barka, spricht über die Trikontinentale, im Hintergrund die Notizen seines Vaters

Ben Barka wurde am 29. Oktober 1965 ermordet. Ein endgültiges Urteil wurde über diesen Tod nie verlautet, allerdings ist es wahrscheinlich, dass er – wie Fidel auf der Konferenz sagte – in Paris unter Mitwirkung der französischen und marokkanischen Geheimdienste getötet wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch die CIA beteiligt gewesen war. Die 1960er Jahre waren ein Jahrzehnt massiver Gewalt der westlichen Mächte gegen nationale Befreiungsbewegungen – vom versuchten Sturz der Kubanischen Revolution mit der Invasion der Schweinebucht (1961) über die Invasion der Dominikanischen Republik durch die USA (1965) bis hin zum Massaker einer Million Kommunisten und deren Sympathisanten in Indonesien (1965) und der grausamen Gewalt gegen das vietnamesische Volk. Diese Gewalt geht weiter. Im vergangenen Jahr sprach der ehemalige Chef der CIA, James Woolsey, leichtfertig – und unverblümt – über die Einmischung der CIA in Wahlen in Europa und anderswo gegen Kommunisten und zur «Ordnungswahrung».

https://www.youtube.com/watch?v=2rxn6qF5q_E

Der ehemalige CIA-Chef James Woolsey, zu Besuch in The Laura Ingraham Show (Fox News), 16. Februar 2018

Das ist die Welt, in der wir leben, eine Welt, in der die Bestrebungen von Arbeiter*innen und Bäuer*innen von Männern wie Woolsey arrogant missachtet werden. Es ist eine Welt, in der die Gewalt eines B-52-Bombers als angemessen angesehen wird, während Schreie für den Kampf gegen Hunger als utopisch abgetan werden.

Seit dreiundfünfzig Jahren sind OSPAAAL und Tricontinental – ihre Zeitschrift – ein Bezugspunkt für nationale Befreiungs- und sozialistische Bewegungen. Die schönen Poster von OSPAAAL, über die wir ausführlich in unserem Dossier Nr. 15 geschrieben haben, hingen an Mauern auf der ganzen Welt. Durch sie erfuhren viele von uns von den Bestrebungen in El Salvador, Simbabwe und Kambodscha. Die Analysen im Tricontinental-Magazin, einschließlich Interviews mit Bewegungsführern und radikalen Intellektuellen, haben uns für den Kampf der Ideen gerüstet. OSPAAAL hat zwei wichtige Punkte auf die Agenda gesetzt:

(1) die globale politische Ökonomie zu transformieren – das Spitzenbeispiel hierfür war die monumentale UN-Resolution zur Neuen Internationalen Wirtschaftsordnung (1974);

(2) die internationale Solidarität zu fördern – das beste Beispiel dafür war die kubanische Intervention zur Niederlage der portugiesischen Kolonialisten in Angola (1975).

Diese Anliegen haben ihre Gültigkeit und Bedeutung bis heute nicht verloren.

Als wir im vergangenen Jahr das Tricontinental: Institute for Social Research ins Leben riefen, begrüßte OSPAAAL unsere Arbeit und unser Bekenntnis zur Wahrung des Vermächtnisses – und der Agenda – der 1966er Konferenz herzlich. Wir alle sind traurig, OSPAAAL gehen zu sehen, aber gleichzeitig stärken uns ihre Arbeit und ihr Vorbild. Wir sind uns der Wichtigkeit von Widersprüchen und von Arbeit bewusst, um es in den Worten des kubanischen Dichters Miguel Barnet aus seinem Gedicht Revolución zu sagen:

Zwischen dir und mir

Liegt ein Haufen Widersprüche

Die sich zusammenfügen

Und mich zur Erschütterung machen

Die die Stirn befeuchtet

Und dich aufbaut.

Entre tú y yo

Hay un montón de contradicciones

Que se juntan

Para hacer de mí el sobresaltado

Que se humedeca la frente

Y te edifica.

Eine Protestaktion der All-India Democratic Women’s Association In Delhi, angeführt von Subhashini Ali (Politbüro-Mitglied, Communist Party of India [Marxist]), 30 Juli 2019

Ein Haufen Widersprüche. Wir sind täglich mit Abscheulichkeit konfrontiert.

In Indien wartet ein Gesetzgeber namens Kuldeep Sengar der regierenden Rechtspartei Bharatiya Janata Party (BJP) im Gefängnis auf sein Gerichtsverfahren wegen Vergewaltigung und Entführung in der Kleinstadt Unnao im Jahr 2017. Die Frau, die Sengar wegen Vergewaltigung angeklagt hatte, war mit zwei Tanten und ihrem Anwalt im Bezirk Rae Bareli unterwegs, als sie von einem Lastwagen angefahren wurde, dessen Kennzeichen mit verschmiertem Fett unerkennbar gemacht worden war. Die Polizei hatte Sengar zuvor über die Reisepläne der Frau, ihrer Tanten und ihres Anwalts informiert. Die beiden Tanten starben; die junge Frau und ihr Anwalt überlebten schwer verletzt. Nachdem sich die Polizei letztes Jahr geweigert hatte, den Fall gegen Sengar zu registrieren, wurde der Vater der Frau von Sengars Männern überfallen. Der Vater wurde danach verhaftet und starb einen Tag später im Gefängnis. In ganz Indien kam es aufgrund des Zusammenstosses zu Protesten. Die Wut auf die Regierung mischt sich mit der Angst vor ihrer herzlosen Gleichgültigkeit. Die All-India Democratic Women’s Association (AIDWA) sagt, dass diese Vorfälle die «Muskel- und Geldmacht» der BJP sichtbar machen. Sengar bleibt unterdessen – während er im Gefängnis sitzt – Gesetzgeber und Mitglied der BJP (obwohl die unter Druck stehende Partei kürzlich verlauten liess, sie habe seine Mitgliedschaft vorläufig suspendiert).

Während diese verbrecherischen Geschehnisse ihren Lauf nahmen, schrien verschiedene BJP-Führer ihre Irrationalität in die Welt hinaus:

  1. Der BJP-Chief Minister von Uttarakhand – Trivendra Singh Rawat – liess verlauten, dass die Kuh das einzige Tier sei, das Sauerstoff einatmet und ausatmet. Er sagte, dass Atembeschwerden durch das Massieren einer Kuh gelindert werden können. Währenddessen wurden zahlreiche Muslime und Dalits von Lynchmobs getötet, die danach streben, die Kuh zu « schützen ».
  2. Der BJP-Staatsminister für Förderung der Humanressourcen – Satyapal Singh – sagte, dass die Evolution nie stattgefunden habe, da niemand gesehen habe, wie sich ein Affe zu einem Menschen entwickelt habe.
  3. RSS-Führer Hitesh Jani sagte, dass ein guter Stuhlgang die DNA verbessern kann.

Zwischen der gefährlichen Vernunft der BJP und der inspirierenden Unvernunft der Kubanischen Revolution klafft eine riesige Kluft. Es ist bemerkenswert, dass die BJP in unserer Zeit ernst genommen wird, während die Kubanische Revolution gezwungen ist, unter einer mörderischen Blockade zu verharren.

Es ist von Bedeutung, dass die Rechte ernstzunehmende Fortschritte darin gemacht hat, die Menschen der Welt für sich zu gewinnen. Es ist von Bedeutung, mit den Worten des verstorbenen ägyptischen Marxisten Samir Amin, dass es eine «Lücke zwischen dem Herbst des Kapitalismus und der Möglichkeit des Frühlings der Völker» gibt. Es ist unsere Pflicht, diese Lücke zu schließen.

Herzlich, Vijay.

 

*Übersetzt von Claire Louise Blaser