Liebe Freund*innen,

Grüsse vom Pult des Tricontinental: Institute for Social Research.

Am 6. August 1945 warf das US-Militär eine Bombe mit 64 kg Uran-235 über der Stadt Hiroshima (Japan) ab. In etwas mehr als 44 Sekunden fiel die Bombe 9.400 Meter tief und detonierte schließlich 580 Meter über der Shima Surgical Clinic. Mehr als 80.000 Menschen starben auf der Stelle. Dies war der erste Einsatz einer Atombombe.

Satsuo Nakata, Chugoku-Shimbun-Gebäude, 10. August 1945.

Vier Tage später brachte Satsuo Nakata die Leica-Kamera der Domei News Agency in die Stadt. Er machte 32 Fotos von der Zerstörung und jedes einzelne dieser Bilder – archiviert im Hiroshima Peace Memorial Museum – ist ikonisch. Die Wucht der Bombe hatte die Stadt dem Erdboden gleichgemacht, obwohl nicht einmal 2% des gesamten Urans detonierten. Nakata machte ein Foto vom Büro der Zeitung Chugoku Shimbun und vom Kimono-Laden Odamasa. Das Blech des Ladens hatte sich zu einem Wirbelsturm verzerrt. Er ist Ausdruck der Stärke dieser Waffe. Toge Sankichi, ein Hibakusha (Überlebender der Atombombe) und Dichter, beschrieb diese Kraft und ihre Auswirkungen, während die von der Macht der Bombe entflammten Feuer in der Stadt von 350.000 Einwohnern langsam ausbrannten: «das einzige Geräusch – die Flügel der Fliegen, die um Metallbecken kreisen».

Im vergangenen Juni kehrte eine 89-jährige Hibakusha namens Ai Masuda erstmals zurück nach Hiroshima. Vor 74 Jahren rannte Ai Masuda (damals 15 Jahre alt) durch die Stadt auf der Suche nach ihrer Cousine Harue (damals 13 Jahre alt). «Harue», sagt sie, während ihr Blick über den Motoyasu-Fluss gleitet, «es tut mir leid, dass ich dich nicht finden konnte». Ai und Harue waren Schülerinnen an der Hiroshima First Municipal Girls’ School. Sechshundertsechsundsechzig Schülerinnen, darunter Harue, und zehn Lehrer starben bei der Explosion. «Alle starben einen derart grausamen Tod», erinnerte sich Ai Masuda. «Ich musste mir Szenen aus der Hölle ansehen».

Auch Shigemoto Yasuhiko war damals 15 Jahre alt. Sein Haiku über Hiroshima besänftigt das Herz:

 

Hiroshima Day –

I believe there must be bones

Under the paved street.

 

Hiroshima Day –

Ich glaube, unter der geteerten Strasse

Müssen Knochen liegen.

 

Globale nukleare Waffenbestände, SIPRI, 2019.

Letzte Woche haben die Vereinigten Staaten den Washingtoner Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme (auch bekannt als INF-Verträge), der seit 1987 in Kraft ist, gekündigt. Die INF-Verträge sind Teil einer Reihe von Abkommen, die – so hofft man – die Welt von einem Atomkrieg abhalten könnten. Um uns an die Gefahren unserer Zeit zu erinnern, steht die Weltuntergangsuhr des Bulletins of Atomic Scientists um zwei Minuten vor Mitternacht still. Für die Atomwissenschaftler, welche diese Uhr 1945 nach dem US-Angriff auf Hiroshima und Nagasaki entwarfen, steht «Mitternacht» für Apokalypse. Zwei Minuten vor Mitternacht ist so kurz vor der endgültigen Vernichtung wie es nur geht. Eine weitere Minute brächte uns zum Moment, in dem die Bombe ihren Abstieg zur Erde beginnt (eine Reise, die 1945 weniger als eine Minute dauerte). In der Mitteilung des Bulletins vom Januar heißt es, dass die sogenannten Zwillingsgefahren – Klimawandel und Atomkonflikt – ein aussergewöhnliches Risiko für die Zukunft unserer Zivilisation darstellen.

Der INF-Austritt ist bloss ein Warnsignal. Ein weiteres ist, dass die verschiedenen Atommächte – allen voran die Vereinigten Staaten – ihre Atomwaffen erneut in den Mittelpunkt ihrer Militärstrategie rücken, und damit begonnen haben, schamlos hohe Geldbeträge für die Modernisierung ihrer Atomwaffen auszugeben. Die USA haben vor, in den kommenden zehn Jahren jährlich 50 Milliarden Dollar zu investieren, was 23% mehr ist als der Schätzwert für das Jahr 2017. Diese Erhöhung entspricht dem Gesamtbudget des Militärs von Großbritannien, und daraus wird einzig die Modernisierung des US-Atomarsenals finanziert.

Das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) hat kürzlich seinen Jahresbericht zu Rüstung, Abrüstung und internationaler Sicherheit veröffentlicht. Die mächtigsten Atomstreitkräfte der Welt sind die Vereinigten Staaten, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea. Der Zusammenbruch der INF-Verträge signalisiert das Ende sogar der nur vorgetäuschten atomaren Abrüstung. Der Vertrag über das Verbot von Kernwaffen (TPNW) wurde 2017 ausgehandelt, aber nie ratifiziert. Vor dem akutellen Hintergrund wird er wahrscheinlich nicht weitergetragen werden, trotz der Bemühungen der Internationalen Kampagne zur Abschaffung der Kernwaffen, die für den TPNW im Jahr (oder in) 2017 den Friedensnobelpreis erhielten.

Ein iranischer Kleriker läuft an einer Wandmalerei vor der ehemaligen US-Botschaft vorbei. Teheran, Februar 2008. Morteza Nikoubazl/Reuters.

Der Jahresbericht von SIPRI stellt fest, dass der Iran – der weder Atomwaffen hat noch Absichten bekundet hat, Atomwaffen zu besitzen – weiterhin den Gemeinsamen Umfassenden Aktionsplan (Joint Comprehensive Plan of Action, kurz: JCPOA) von 2015 umgesetzt hat. Der JCPOA – auch «Iran nuclear deal» genannt wurde vom Iran, den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates (China, Frankreich, Russland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten), Deutschland und der Europäischen Union ausgehandelt und dann von den Vereinten Nationen ratifiziert. Im Mai kündigte die US-Regierung dieses Abkommen, welches das iranische Kernenergieprogramm einschränkt. Der Vertragsaustritt der USA hat die Region destabilisiert, wobei das Bulletin of Atomic Scientists feststellt, dass die unilateralen Rückzieher der USA sowohl aus dem Iran-Deal als auch der aus den INF-Verträgen gravierende Schritte in Richtung einer vollständigen Auflösung des globalen Rüstungskontrollprozesses sind.

Alle Finger zeigen offenbar auf den Iran, der Schuld an den Spannungen in Westasien sein soll.

Unser Tricontinental: Institute for Social Research Dossier Nr. 19 (August 2019) bietet eine iranische Sichtweise auf diesen Konflikt. Wir sprachen mit Seyed Mohammad Marandi von der Universität Teheran, der uns in prägnanter Weise durch die Situation im Iran und den gefährlichen Hybridkrieg gegen den Iran führte. Marandi lässt aus Teheran verlauten, dass der Iran weder isoliert ist noch zu einem Krieg provoziert werden kann. Der Iran wird seine Souveränität und sein Recht verteidigen, aber er wird dies auf bedachte Weise tun. Die unilateralen Sanktionen der USA seien zwar illegal, haben aber dennoch Konsequenzen aufgrund der Vormachtstellung der USA im Finanzsystem und der Rückgratlosigkeit der Europäer. Alle europäischen Versuche, den Gemeinsamen Umfassenden Aktionsplan zu retten, einschließlich des INSTEX-Mechanismus, waren bisher zögerlich (wie Irans Aussenminister Abbas Mousavi andeutete). Die Vereinigten Staaten haben Druck auf Schifffahrtsgesellschaften ausgeübt, indem sie Schiffe abgemeldet und strenge Zollkontrollen für Schiffe aus dem Iran eingeführt haben. Eine von den USA in der Straße von Hormuz angeführte Seestreitmacht hat zum Ziel, den Druck zu erhöhen.

Solche Provokationen, sagt Marandi, sind ein Zeichen für die Schwäche der USA – nicht für deren Stärke. «Was die Vereinigten Staaten davon abhält, den Iran anzugreifen, ist definitiv die innere Stärke des Iran», sagte er, «und seine regionalen Kapazitäten, aber natürlich stärken auch die engen Beziehungen des Iran mit Russland und China Irans Hand wesentlich». Bei diesen «regionalen Kapazitäten» wird Marandi wohl an die libanesische Hisbollah denken. Vor einigen Wochen erläuterte der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, den Plan seiner Partei im Falle eines Angriffs auf den Iran:

https://www.youtube.com/watch?v=4_xJ1jb3r74

Hassan Nasrallah in al-Manar, 12. Juli 2019

Es gibt hierbei auch einen militärischen Aspekt. Die USA haben sich in Afghanistan in einem Krieg festgefahren (ein kürzlich veröffentlichter Artikel von Heela Najibullah beschreibt die politische Schwäche des Landes, die die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr der Taliban an die Macht erhöht). Der illegale Krieg der USA im Irak zeigte die Schwachheit der amerikanischen Macht; der Iran mit einer doppelt so großen Bevölkerung wie der Irak wird nahezu unmöglich zu unterdrücken sein. Sogar militärisch, sagt Marandi, brachte eine iranische 20.000-Dollar-Rakete eine US-amerikanische 200-Millionen-Doller-Drohne zum Absturz.

Ein Paar sitzt vor einer iranischen Zelzal-Luftabwehrrakete während des Besuches einer Ausstellung zum Jubiläum des Iran-Irak-Kriegs (1980-88) auf einer Militärbasis des Revolutionary Guard Corps. Tehran, September 2011. Morteza Nikoubazl.

Der von Donald Trump in Richtung Iran aufgewirbelte Staub trübt jegliche Klarsicht. Gemäss dem Atomwaffensperrvertrag (1968), den der Iran unterzeichnet hat, darf Iran zur Stromerzeugung Uran anreichern. Die USA beharren seit zwei Jahrzehnten darauf, dass jegliche iranische Bemühungen zur Urananreicherung ein Atomwaffenprogramm ermöglichen würden. Um eine Atomwaffe herzustellen, wird «waffenfähiges» oder hochangereichertes Uran (highly enriched uranium, kurz: HEU) benötigt. HEU bezeichnet Stoffe mit 20% oder mehr Uran-235 und «Waffenqualität» ist oft mit 90% Uran-235 angereichert. Der Iran erreicht nicht einmal die niedrigste Stufe an hochangereichertem Uran. Derzeit liegen die Werte für den Iran bei 4,5 % und damit weit unter dem Schwellenwert für eine Atomwaffe. Im Streit zwischen dem Iran und den USA geht es demnach nicht um Atomwaffen, sondern darum, dass sich die USA weigern, dem Iran das Recht auf ein Kernenergieprogramm (einschließlich Anreicherung) zuzugestehen.

Zugegeben, die Gefahren der Kernenergie müssen auch thematisiert werden. In den Kernkraftwerken Three Mile Island, USA (1979), Tschernobyl, UdSSR (1986) und Fukushima Daiichi, Japan (2011) ereigneten sich bereits drei höchstgefährliche Kernschmelzen. Hinzu kommt die Frage der Toxizität der Urangewinnung sowie der Schadstoffbelastung durch radioaktive Abfälle (einschliesslich des vergifteten Wassers). Aber diese Debatte beschränkt sich nicht nur auf den Iran, sondern muss auch die Vereinigten Staaten und Frankreich mit einbeziehen, die über die weltweit höchste Anzahl an Kernkraftwerken verfügen. Jeder fünfte Kernreaktor auf dem Planeten befindet sich in den Vereinigten Staaten; Frankreich beherrscht den Niger infolge der Abhängigkeit der Stadt Arlit von Orano. Wir von Tricontinental: Institute for Social Research schreiben ein Briefing über die Uranunternehmen der Welt. Das sogenannte Urankartell – Rio Tinto, Cameco, Orano (ehemals Areva) und Kazatomprom – ist für uns dabei von besonderem Interesse.

Die Trump-Administration hat Sanktionen gegen den iranischen Außenminister Javad Zarif verhängt – ein versierter Diplomat und Architekt des JPCOA. Indem sie versuchen, Zarif zu isolieren, geben die USA zu verstehen, dass sie kein Interesse an einer diplomatischen Lösung haben. Dies ist eine äußerst besorgniserregende Entwicklung, die es entschieden zu verurteilen gilt. Zarif seinerseits hat lediglich gesagt, dass es die Vereinigten Staaten sind, die sich isolieren.

Die Bilder aus dem Dossier stammen von dem Teheraner Fotografen Morteza Nikoubazl.

In unseren Ohren spielt die Musik des iranischen Dichters Abdolqasem Lahouti:

Az hič kasi komak nemiḵāhim
kāfist do dast-e kāregar mā rā

Wir brauchen niemandes Hilfe.

Die Hände der Arbeitenden genügen uns.

Herzlich,

Vijay.

Aus dem Englischen übersetzt von Claire Louise Blaser.