John Pule, The Disagreement (Die Uneinigkeit), 2014.

Liebe Freund*innen

Grüsse vom Pult des Tricontinental: Institute for Social Research.

Letzte Woche hat die Agence France-Presse den Entwurf eines UN-Berichts mit dem Titel ‘Sonderbericht über den Ozean und die Zyrosphäre in einem sich ändernden Klima’ in die Finger bekommen. Dieses 900-seitige Dokument ist eine Ozeanstudie für den Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC) – das UN-Organ, welches 2007 den Friedensnobelpreis erhielt. Die verfügbaren Auszüge zeichnen ein ernüchterndes Bild. «Dieselben Ozeane, aus denen die menschliche Evolution hervorgegangen ist», heißt es im Entwurf, «sind in der Lage, weltweites Elend auszulösen, falls der Kohlenstoffbelastung, die die Meeresumwelt der Erde destabilisiert, kein Einhalt geboten wird».

Ohne eine nachhaltige Reduzierung der menschlichen Kohlenstoffemissionen könnten in den nächsten acht Jahrzehnten mehr als 30% des Oberflächen-Permafrostes der Nordhalbkugel schmelzen. Das würde bedeuten, dass die Ozeane ab 2050 so ansteigen werden, dass sogenannte «extreme Meeresspiegelereignisse» Inseln und tiefliegende Megastädte auslöschen werden. Nur wenige Wissenschaftler glauben, dass die Erderwärmung auf 1.5˚C begrenzt werden kann; sie hoffen auf 2˚C. Bei diesem Temperaturanstieg werden die Ozeane so weit ansteigen, dass sie mehr als eine Viertelmilliarde Menschen vertreiben; diese Vertriebenen – 250 Millionen – ergäben zusammen nach China, Indien, den Vereinigten Staaten von Amerika und Indonesien das fünftgrößte Land der Welt.

Der endgültige Ozean-Sonderbericht soll am 25. September veröffentlicht werden, zwei Tage nach einem vom UN-Generalsekretär Antonio Guterres in New York veranstalteten Sondergipfel zum Thema Klimaschutz. Ende August sprach Guterres auf der Tokyo International Conference on African Development, wo er anmerkte: «Wenig hemmt Entwicklung so drastisch wie Katastrophen». Er hatte den schrecklichen Zyklon Idai im Hinterkopf, der in Mosambik rund 90% des Gebiets um die Stadt Beira zerstörte. Es ist beängstigend, die Drohnenaufnahmen vom Internationalen Verband der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften erneut anzuschauen:

https://www.youtube.com/watch?v=-Fwy769uYBk

IKRK-Drohnenaufnahmen vom Zyklon Idai in Beira, Mosambik, 2019

Katastrophen braucht man nicht lange zu suchen. Der Orkan Dorian hat die Karibik gewalltvoll überollt. Guterres erwähnte die Brände im Amazonasgebiet, ein Verbrechen gegen die Menschheit – wie die Bauernorganisation La Via Campesina es ausdrückte. Dieses kurze Video – Brazil in Flames – von Brasil de Fato ist verstörend:

Brasil de Fato, Brazil in Flames (Brasilien in Flammen), 2019. 

«Über Jahrzehnte errungene Gewinne in der nachhaltigen Entwicklung werden über Nacht zunichte gemacht», warnte Guterres über diese kaskadierenden Katastrophen. Und es wird immer mehr davon geben. «Wir steuern darauf hin», sagte Guterres, «dass 2015-2019 die fünf heißesten Jahre seit Messungsbeginn werden». Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) sagt, dass wir heute die größte Konzentration an CO2 in der Atmosphäre der Weltgeschichte haben. Was die Ozeane betrifft, so zeigt die WMO, dass der Ocean Heat Content in den oberen 700m und den oberen 2000m im Jahr 2018 «entweder der höchste oder der zweithöchste Wert seit Messungsbeginn» war.

Die Schuld liegt auf verschiedenen Ebenen. Sowohl Mosambik als auch Brasilien sind mit den verheerenden Folgen der Klimakatastrophe konfrontiert, aber im Falle Brasiliens gibt es auch einen unmittelbaren Verantwortlichen – die Holzindustrie und die Bergbauunternehmen . Was das Fingerzeigen betrifft, so reichen ein, zwei Hände nicht aus. Wer mit Fingern auf die Schuldigen weisen will, braucht mehr als zwei Hände: Da sind die Finanz- und Energiekonzerne, die ihr Geld mit Kohlenstoff verdienen. Daneben gilt es die Länder der G7 und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zu Verantwortung zu ziehen, die bei Klimaverhandlungen nicht nach bestem Wissen und Gewissen verhandeln.

Die schuldzuweisenden Finger wären nachlässig, wenn sie nicht auch mit besonderer Strenge auf das doppelzüngige Auftreten der entwickelten Länder zeigten. Professor T. Jayaraman vom Tata Institute of Social Sciences (Mumbai) sagte dem Courier von UNESCO, dass das Gerede über CO2-Steuern und CO2-Handel Heuchelei sei. Warum «verlangen diese Regierungen nicht einfach bestimmte Zielwerte von bestimmten Branchen? Es muss strengere Vorschriften geben. Ansonsten müssen sie die Strafe zahlen». «Zu glauben, dass man Unternehmen mit Anreizen dazu verführen kann, moralisch zu handeln, oder dass man sie durch Drohungen dazu bringt, die richtigen Schritte zu unternehmen, erscheint mir ein wenig absurd», sagte Jayaraman. Die Industrieländer müssten «rasch auf grüne Technologien umsteigen», das heisst nicht nur, fossile Brennstoffe auszutauschen (Gas statt Kohle), sondern auch, auf erneuerbare Energien umzusteigen. Die Entwicklungsländer hingegen müssen grosse Sprünge machen, wenn auch auf vernünftige Weise. Der öffentliche Verkehr in der chinesischen Stadt Shenzhen zum Beispiel ist rein elektrisch – mit dem Plan, dass bald alle Verkehrsmittel der Stadt nachziehen:

South China Morning Post, Shenzen: the World’s Pioneer in Electric Vehicles (Shenzen: Weltweiter Vorreiter in Elektrofahrzeugen), 2018.

Die Leugnung der Klimakatastrophe ist eine Variation der Ausflüchte, die bemüht werden, wenn Kapitalismus mit moralischen Fragestellungen wie Hunger und Obdachlosigkeit, Demütigung und Ungleichheit konfrontiert wird. Es gibt bezaubernde Theorien, die es der kapitalistischen Klasse erlauben, weiterhin fast allen sozialen Reichtum anzuhäufen, während die Arbeiter*innen und Bäuer*innen auf am Rande des Überlebens existieren. Die Unfähigkeit, sich der Klimakatastrophe zu stellen rührt nicht von einem Mangel an Bereitschaft, sondern vielmehr vom Übel des Wohlstands, der tiefen kulturellen Verwurzelung des Kapitalismus, welche eine Bewältigung der sozialen sowie auch der ökologischen Katastrophen verhindern wollen.

Die vorgebrachten Lösungen antworten auf Symptome, nicht Ursachen. Das Wasser steigt, also baut Indonesiens Hauptstadt Jakarta eine 24 Meter hohe Mauer, obwohl 40% der Stadt bereits heute unter dem Meeresspiegel liegen. Indonesiens Präsident Joko Widodo ist sich bewusst, dass dies keine Lösung ist. Er hat angekündigt, dass das viertgrößte Land der Welt seine Hauptstadt auf die Insel Borneo verlegen wird. Unterdessen haben die Vereinten Nationen eine erste Konsultation geführt über die Möglichkeit eines neuen UNO-Seerechtsübereinkommen zur Erhaltung und zum Schutz der biologischen Vielfalt der Meere. Es wirkt alles zaghaft – der Voluntary Trust Fund ist lediglich dazu da, Mittel bereitzustellen, damit kleine Inselstaaten überhaupt an diesen Treffen teilnehmen können. Sonst liegt nichts auf dem Tisch. Es gibt kein echtes Bekenntnis zur Verhinderung des Meeresanstiegs oder der Ozeanversauerung. Tuvalus Fakasoa Tealei sagte, dass die bestehenden Rahmenbedingungen «ineffektiv» seien, und dass selbst die Diskussion darüber angesichts des Problems keinen «praktischen Mehrwert» bringe. Tealeis Ehrlichkeit und Widodos Kapitulation vor dem Meer erscheinen uns wie Kanarienvögel mit hängenden Köpfen in einem unendlichen Kohleschacht.

Agung Mangu Putra, Abstraki Ikan, 2001.

 

Tonga, der Archipel südlich von Tuvalu im Pazifischen Ozean, läuft Gefahr, vom steigenden Wasser weggespült zu werden. Die Hauptinseln von Tonga haben Seewände gebaut, aber ihre Bewohner erhaschen darüber einen Blick auf das Wasser und können zusehen, wie ihre kleineren Inseln ins Meer abrutschen. Wohin sollen die 100’000 Tongaer gehen, wenn das Wasser ansteigt? Konai Helu Thaman, eine der großen Dichterinnen Tongas, schrieb vor Jahrzehnten über ihren Traum einer anderen Welt:

We cannot see

far into the distance

neither can we see

what used to stand there

but today we can see trees

separated by wind and air

and if we dare to look

beneath the soil

we will find roots reaching out

for each other

and in their silent inter-twining

create the hidden landscape

of the future.

 

Wir sehen weder

weit in die Ferne

noch sehen wir

was früher hier stand

aber heute sehen wir Bäume

durch Wind und Luft getrennt

und wagen wir den Blick

unter die Erde

so finden wir Wurzeln

die sich einander entgegenstrecken

und in ihrer stillen Umarmung

wird die verborgene Landschaft

der Zukunft geschaffen.

Ivana Kurniawati, We Are Not Monkeys (Wir sind keine Affen), 2019.

Im Nordosten von Tonga liegt West Papua, die Hälfte der Papua-Insel, welche von Indonesien verwaltet wird. Der Ruf nach Unabhängigkeit erschallt in West Papua mit neuer Stärke, seit papuanische Schüler von indonesischen Nationalisten in der Stadt Surabaya entwürdigend behandelt worden waren. Die von den Nationalisten als «Affen» beschimpften papuanischen Radikalen kehrten den Spiess einfach um: Papua merdeka, itu yang monyet inginkan (Ein freies Papua, das ist es, was die Affen wollen). Einer der Führer des Kampfes, Surya Anta, wurde verhaftet. Die Geschehnisse sind umstritten, da die Internetverbindung nach West Papua gekappt wurde. Für einen der kommenden Newsletter werden wir Benny Wenda von der «Vereinigten Befreiungsbewegung für West Papua» (United Liberation Movement for West Papua) interviewen.

Aufnahmen vom Seminar in Rio.

Eine bleibende Spur der südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfe ist die Problematik der kontinentalen Vereinigung. Dieses Thema kommt regelmäßig auf, zuletzt während dem Pink Tide. Damals stellte sich die Frage der Integration als Teil des regionalen Klassenkampfes – sollten nur die Oligarchie und multinationale Unternehmen von den Bedingungen der Integration profitieren, oder ist Integration auch ein Instrument für die sozialistische Entwicklung? Letzte Woche haben Monica Bruckmann und Beatriz Bisso von der Federal University of Rio de Janeiro im Rahmen einer mit dem Tricontinental: Institute for Social Research gemeinsam organisierten Reihe zusammen mit Mariana Vazquez von der Universität Buenos Aires und Olivia Carolino von Tricontinental in einem mit Akademikern, Studenten und Militanten gefüllten Saal über diese Themen diskutiert. Die Frage der Integration ist brennend, aber nicht ohne eine klare Vorstellung ihres Klassencharakters. Globalisierung ist eine Form der kapitalistischen Integration; die Verbindung von Ländern in einem Programm zu Gunsten der Arbeiterklasse und der Bauernschaft ist ein ganz anderes Thema. Wie macht man das, wenn das Kräfteverhältnis ungünstig ist? Das ist die Frage, die sich uns stellt. Die Präsentationen werden wir in einem Buch sammeln.

Es ist nun zehn Jahre her, seit Venezuelas Hugo Chávez auf der Klimakonferenz in Kopenhagen sprach. Chávez erwähnte den Regionalismus Lateinamerikas – insbesondere ALBA (Bolivarian Alliance for the People of Our Americas). Seine schärfste Kritik richtete er an die reichsten Individuen und Länder, denen er eine grosse Gefühllosigkeit und mangelnde Solidarität mit den Armen, den Hungrigen und den am schlimmsten von Krankheiten, Naturkatastrophen bedrohten Menschen vorwarf. Die Reichsten müssten laut Chavez zwei Dinge tun: Erstens, verbindliche, klare und konkrete Verpflichtungen zur wesentlichen Reduzierung ihrer Emissionen festlegen; und zweitens, Verpflichtungen zur finanziellen und technologischen Unterstützung armer Länder im Umgang mit den verheerenden Auswirkungen des Klimawandels übernehmen. Ganz einfach.

Chávez sah diese Wurzeln, die sich einander entgegenstrecken. Diese Sichtweise wird jedoch von den G7 und den OECD nicht geteilt. Sie sehen nur die Früchte, die sie für sich selbst pflücken und essen wollen. Das ist ihre Sichtweise. Die Sichtweise eines Räubers, nicht eines Menschen.

Herzlichst,

Vijay.

PS: All unsere Materialien findet ihr auf unserer Website, einschließlich aller Newsletter und Dossiers, Working Documents und Notebooks, Briefings und Red Alerts. Bei Fragen könnt ihr euch an unsere Büros in Buenos Aires, Johannesburg, New Delhi oder São Paulo wenden.

Aus dem Englischen übersetzt von Claire Louise Blaser.